Gedankengedicht - Mein Deutschland


aa ma pa da ß abba tatü i ch ei da ist Mama und ein Vater, deutscher Weg führt nie geradeaus - alles mäandert!

 

D enken dürfen, denken im Durcheinander von Dom und Diesel in Europa mitdenken, querdenken, durchdenken.

 

E inig streiten können, ehrlich Recht erfahren, pünktlich Freiheit leben rund um Brandenburger Tor und auf Dixi-Klo

 

U mgeben von Flüssen, Berge mit Achat, Erz, Salz und Wald; umgegraben, untertunnelt, überbrückt, unterm Dach

 

T ief im Innern sein im Zauberberg bei Mann zugleich luftig auf Beethovens Flügel mit der Ode an die Freude, hier

 

S pielte Goethe und heut Dörrie. Zuse lässt uns spielen. Zwischen Sportplatz und Konsole üben wir weiter - Spagat.

 

C h, ein schwieriger Laut, manchmal hilft ein Stift quergelegt im Mund, gleich klingt die Sprache rund. Aus dem

 

H ambacher Fest, erwuchs nach langer Schwangerschaft das Grundgesetz - unser demokratisches Haus. Doch

 

L ohn für Arbeit - und zwar gerecht - ist noch nicht im Fach, trotz Raiffeisen, Luxemburg , Hartz vier, dir und mir

 

A bgeordnet dient der Bundestag dem Wohle aller, doch manchesmal er träumt zu lang, dann wird uns bang.

 

N ein zu jedweder Not ob in Haus, Land oder Welt! Dafür lasst uns alle streben, mit Gespräch, Forschung und Tat.

 

                      

D  eutschland = Millionen verschiedenster Geschöpfe im Schoße Europas und der Welt, dafür Dank und liebe es.


        

Schritte

 

Ein rascher Blick zur Uhr. Er lag gut in der Zeit. Nur noch zwei Unterschriften, dann legte Paul die Blätter in die Mappe zurück. Er war bereit zum Spaziergang mit Peter. Paul freute sich.

Vor fast sieben Monaten war Peter einfach nicht mehr zum Training der Alten Herren gekommen. Ohne sich abzumelden! Kein Wort hörte man von ihm, dabei kickte er Fußball schon von Kindesbeinen an. Seine Treue zum Verein schien unverbrüchlich. Keiner der Kameraden wusste, warum und wieso.

Irgendwann hatte Brigitte, Peters Ehefrau, bei Paul angerufen. Peter hatte Krebs, ohne Hoffnung auf Heilung. Brigitte musste wieder arbeiten gehen, ob Paul nicht mal Peter besuchen kommen könne, vielleicht ein bisschen Schach spielen, damit er eine Abwechslung hätte zwischen den Chemos.

Eine Woche hatte es gedauert, bis Paul den Mut fand zu dem Besuch. Hilflos hatte er sich nach Feierabend ein altes, zusammenklappbares Schachspiel unter den Arm geklemmt. Die kleine Kathrin hatte ihm die Tür aufgemacht. Aus dem Zimmer ihres älteren Bruders dröhnte Musik. Im Wohnzimmer verteilt standen ein paar verblühte Blumenbouquets.

Peter lag unter einer senffarbenen Decke auf der Couch. Seine alte Wintermütze bedeckte den nun kahlen Schädel. Paul erschrak, obwohler sich vorher immer gesagt hatte, dass es schlimm würde. Doch dann sah er das Aufleuchten in Pauls Augen, als er ihm die Hand reichte.

Zu erst kamen alle Tanten und Verwandten, brachten Sträuße, doch jetzt lässt sich keiner mehr blicken. Wahrscheinlich dauert ihnen mein Sterben zu lang. Naja, ist ja auch irgendwie komisch, so mit einer lebendigen Leiche“, versuchte Peter zu scherzen. Paul setzte sich in den Sessel und hielt sich an dem Schachspiel auf seinem Schoß fest. Sie unterhielten sich. Beim Abschied hatte Peter gesagt,„Spielen will ich nicht. Kannst du nicht kommen und mit mir ein paar Schritte gehen? Am besten morgens, wenn Brigitte und die Kinder nicht da sind. Ich würd mich gerne fit halten. Aber ich brech zusammen nach der Chemo. Brigitte, die Liebe, schafft es kaum mich aus dem Bad ins Bett zu stützen. Ich will so viel wie möglich – selbst. Du bist mein Trainer.“ Paul war einverstanden.

Bald darauf war der erste Anruf gekommen. Paul war erst seit einer Stunde im Büro gewesen. Er entschuldigte sich wegen Zahnschmerzen und Arztbesuch bei den Kollegen. Mit dem Auto waren Peter und Paul in das Wäldchen hinter dem Sportplatz gefahren. Dort herrschte Ruhe und Frieden um diese Tageszeit, hoffte Peter. Keine Gaffer für sein Elend.

Nur Paul. Am Anfang drückte die Stille Paul fast den Atem weg. Peter röchelte bei jedem Schritt. Sie kamen nicht weit. Nur bis zur ersten Bank. Da hockten sie, beide stumm vor Angst. „Was mache ich da? Das kann ich nicht!“, schoss es Paul durch den Kopf. Peter übergab sich. Vergeblich suchte Paul in seinem Jackett nach Taschentüchern. Er ekelte sich. Peter winkte nur ab. Er atmete durch „Morgen, mehr. Ich will die ganze Runde schaffen, Trainer.“ „Ist o.k.“,murmelte Paul und zog Peter auf. „Du machst das schon.“ Sie schleppten sich 67 Schritte zurück zum Auto. Am nächsten Morgen war es tatsächlich besser gelaufen.

Paul organisierte allmählich seinen Alltag um. Früh um sechs ins Büro, und anstelle der Kaffeepause ging er zwischendurch Joggen, dachten jedenfalls die Kollegen. Bei jedem Schritt verschwand aus der Angstmauer ein Stück Stein. Peter und Paul schritten weiter, schleppend, schlingernd, schweigend. Manchmal zählten sie nur die Schritte. An anderen Tagen erzählten sie miteinander: vom FC, vom Arzt, vom Büro, von Brigitte, von Gabi und einmal auch von Gott.

Letzte Woche hatten sie die Runde nicht nur wieder ganz geschafft, sondern Peter hatte die Schritte laut mitgezählt, „2763“, hatte er sichstolz gefreut „und in einem Stück, Trainer. Nächste Woche fahren wir in die Stadt, kaufen eine neue Reisetasche, und dann geht`s ab in ein Trainingslager im Süden“. Paul war stolz auf sich und Peter, den Schrittmacher, wie er ihn bei sich nannte.

Die Joggingtasche in der Hand und schon fast an der Tür, da klingelte das Bürotelefon. Ein bisschen Zeit habe ich noch, dachte sich Paul und nahm den Hörer. „Peter ist tot. Heute früh bei Sonnenaufgang. Wir waren noch im Krankenhaus. Es war ihm wichtig, dass ich dich grüße. Danke für alles. Ich melde mich, muss jetzt ein paar Stunden schlafen. Peter hat ja alles schon geregelt.“ Paul legte den Hörer auf. Mechanisch krallte er die Tasche, fuhr zu ihrem Wäldchen. Er kam bis zur Bank, die mit den 67 Schritten.

Es hatte doch so gut ausgeschaut. Einmal hatte Peter berichtet, die Werte seien besser. Warum also, tot? Auch ihm, Paul, war es besser gegangen. Ruhiger und gelassener war er geworden. Es hatte so gut getan, Peter alles erzählen zu können: kleine Ärgernisse, Zukunftsängste, Hoffnungen und Freude. Immer hatte Peter ihm zugehört und dann ein kurzes, hilfreiches Wort gesagt.

Jetzt war Paul wieder allein. Das Früher hatte ihn eingeholt. Er könnte morgens wieder länger schlafen. Aber wollte er das? „Frag doch deine Gabi“, hörte er Peters Stimme aus seiner Erinnerung. Ja, Schritte mit Gabi, das wäre ein neuer Weg.  

        

    

 

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©2011 Sonja Hauertmann